Im Mühlenberger Loch geht der
Naturschutz baden
|
|
| Baggerschiffe, Kräne und Rammtürme
haben die idyllische Elbbucht gegenüber dem Hamburger Stadtteil
Blankenese in eine Baustelle verwandelt. Sie schütten hektisch etwa 150
Hektar eines Süßwasserwatts zu, um Baugrund für die Erweiterung des
Airbus-Werks zu schaffen. Riesige Flugzeughallen werden hier entstehen, für
die Montage des neuen Großraumjets A 380. Den Kampf um das „Mühlenberger
Loch“ verloren Umweltschützer und Anrainer im Februar, als das
Hamburger Oberverwaltungsgericht den Baustopp aufhob. Nun schaffen
Arbeiter Fakten. Darüber sind die Herren in den grauen Zweireihern sehr froh, die zur Pressefahrt mit dem Ausflugsboot geladen haben. Männer, die ihren Stolz über das größte Hamburger Prestigeprojekt seit Jahrzehnten nicht verbergen. Die kritischen Stimmen, die ein nicht ersetzbares Naturreservat geopfert sehen, sind an Bord nicht zu hören. Bis zum Herbst sollen elf Hektar Wasserfläche trocken gelegt sein. |
|
|
|
|
| Abb. Baustelle Mühlenberger
Loch: 150 Hektar Süßwasserwatt werden derzeit zugeschüttet, um das Gelände
für die Airbus (DA)-Montage zu erweitern. Statt der Löffelente (rechts
unten) wird dann dort der A 380-Jet heimisch. Das Gesetz schreibt zwingend
vor, Ausgleichsflächen für den Verlust des Biotops zu schaffen: Hörner
Au, Haseldorfer Marsch und Hanöfer Sand. Dass sie dazu geeignet sind,
bezweifeln Umwelt- und Naturschützer. Fotos: Möbius / Wildlife, Arndt / AP, SZ‑ Archiv. SZ‑Grafik, Beck |
|
| „Was wir an dieser Stelle
erreicht haben, ist erstaunlich“, sagt Bodo
Fischer, der Koordinator der Area 380, Realisierungsgesellschaft
Finkenwerder mbh, die die Hamburger Wirtschaftsbehörde für das
Milliarden-Projekt gegründet hat. Fischer hat im doppelten Sinne recht:
Nicht nur der rasche Fortgang der Bauarbeiten ist erstaunlich, sondern
such, wie einfach internationale Naturschutzrichtlinien ausgehebelt werden
sonnten. Kaum ein anderes Gebiet erschien so gut behütet wie das Mühlenberger
Loch. Das tideabhängige Watt stand unter fünffachem Schutz: Als Landschafts-
und Vogelschutzgebiet; als Feuchtgebiet
von internationaler Bedeutung (UNO), als europäisches Flora-Fauna-Habitat
(FFH); als EU-Schutzgebiet Natura
2000 und schließlich als Feuchtgebiet von globaler Bedeutung nach der
internationalen „Ramsar-Konvention“ „Das war ein Mammut-Genehmigungsverfahren“, stöhnt Fischer. In Sachen Airbus-Erweiterung brachte er für die Wirtschaftsbehörde das Planfeststellungsverfahren zum Erfolg. Darüber freut sich vor allem Wirtschaftssenator Thomas Mirow (SPD). Es ist Wahlkampf in Hamburg. Am 23. September geht es auch um Mirows Posten. Mirow muss Fischer also dankbar sein. Doch auf dem engen Schiff geht er ihm aus dem Weg. Fischers Dienste könnten dem SPD-Senat noch Probleme bereiten. Ein Journalist erhob im Hamburg-Teil der Welt Vorwürfe: In den Vorlaufkosten von 36 Millionen Mark seien „mehrere Millionen für entbehrliche Berater enthalten“ gewesen, „die sämtlich der regierenden SPD sehr nahe stehen“. Allein Fischer, früher umweltpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, habe als selbständiger Umweltberater zehn Millionen Mark erhalten. |
|
Behörde prüft sich selbst |
|
| Ein Sprecher der Wirtschaftsbehörde
dementiert die Summe nicht. Es sei aber alles mit rechten Dingen
zugegangen. Und dass die Wirtschaftsbehörde Prüfinstanz in eigener Sache
ist und sich ihr Wunsch-Projekt selbst genehmigen durfte, sei eben durch
die Hamburger Stadtstaat-Kontruktion bedingt und höchstrichterlich
abgesegnet. Politisch macht es sich aber nicht so gut, und der Spiegel
spricht vom „Hamburger Politfilz“. Darüber regt sich Bodo Fischer auf: „Dass das Planfeststellungsamt zufällig zur Wirtschaftsbehörde gehört, hat überhaupt nichts zu sagen. Da müssen Sie mal gucken, wo die Redakteurin, die das geschrieben hat, wohnt“. Sein Blick wandert auf die andere Elbseite nach Blankenese. Fischer ärgert sich über Leute, „die den Naturschutz benutzen, um für sich Sonderrechte zu erhalten“. Doch was ist mit den „Sonderrechten“ der Natur? Immerhin verschwindet ein einmaliger Lebensraum für seltene Pflanzen und Tiere und eine der wichtigsten Drehscheiben des Vogelzuges in Norddeutschland. Außerdem ist die Elbbucht Kinderstube und Rückzugsgebiet für seltene Fischarten und extrem bedrohte Pflanzen. Hat man da als Bauherr kein schlechtes Gefühl? Bodo Fischer: „Natürlich ist dies ein irrer Eingriff in die Natur, darum machen wir ja Ausgleichsmaßnahmen.“ Das schreibt die sogenannte Eingriffsregelung allerdings ohnehin vor. Ein Eingriff ist demnach nur zulässig, wenn der Nachweis erbracht wird, dass die zerstörten Funktionen des Naturhaushaltes woanders neu geschaffen werden können. Dafür ist sinnigerweise die Realisierungsgesellschaft zuständig und Fischer hat auch ein Konzept parat: Ein hundert Hektar großes Süßwasserwatt mit Platz für „tausend Löffelenten“ soll an der benachbarten Elbinsel „Hahnöfer Sand“ entstehen. Da das nicht ausreicht, sollen stromabwärts in der „Haseldorfer Marsch“ weitere 55 Hektar Süßwasserwatt geschaffen werden. Und schließlich soll in der „Hörner Au“ in Schleswig-Holstein ein etwa hundert Hektar großes Rastgebiet entstehen. Uwe Westphal vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) bezweifelt nicht nur den Erfolg der einzelnen Vorhaben. Er hält auch das Ganze für einen „Flicken-Teppich“. Ohnedies hätten die Maßnahmen bereits fertig sein müssen, bevor mit dem Zuschütten der Bucht begonnen wurde. Auch Hartmut Kausch vom Institut für Hydrobiologie und Fischereiwissenschaft der Universität Hamburg hält Fischers Konzept für Augenwischerei: „Im Frühjahr wurden die Enten durch die einsetzenden Arbeiten ständig aufgescheucht. Sie blieben in der Nähe und warteten darauf, doch noch zu ihren Nahrungsgründen zu kommen.“ Diese werden aber gerade zugeschüttet. Wohin die Vögel sollen, die derzeit aus ihren Brutgebieten in Nordeuropa und Sibirien zurückkehren, weiß niemand. Weder in der Haseldorfer Marsch noch in der Hörner Au haben die Ausgleichsmaßnahmen begonnen. |
|
Gefängnis-Insel für Tiere |
|
| Lediglich auf der Gefängnisinsel
Hahnöfer Sand wird eifrig gearbeitet: Dort entsteht ein neuer, rückverlegter
Deich, der in Zukunft nur noch ein Drittel der Insel vor dem Tideeinfluss
schützen wird. Auf den restlichen zwei Dritteln tragen Bagger derzeit
eine fünf Meter dicke Bodenschicht ab. Hier soll das neue Süßwasserwatt
entstehen. Nabu-Mann Westphal: „Die Realisierungsgesellschaft braucht
den abgetragenen Sand, um das Mühlenberger Loch aufzufüllen.“ Im
September soll die Rohrleitung fertig sein um über diese zwei Millionen
Kubikmeter Sand zur Airbus-Baustelle zu pumpen. Dass es nicht der
Natur-Ausgleich ist, der die Realisierungsgesellschaft treibt, zeige schon
die Tatsache, „dass mitten in der Brutzeit 12000 Bäume gefällt
wurden“. Fachleute bezweifeln, dass auf Hahnöfer Sand jemals ein dem Mühlenberger
Loch ähnliches Süßwasserwatt entsteht: „Die Strömungsverhältnisse
sind dort ungünstig. Es wird kein breitflächiger Zutritt des Elbewassers
in die neu geschaffenen Buchten hergestellt. Um das Ufer zu stabilisieren
werden Leitdämme gebaut, die nur eine vergleichsweise enge Öffnung
haben“, erläutert Hartmut Kausch. Dies werde zur Folge haben, dass die
Buchten „in rasender Geschwindigkeit“ zuschlicken und verlanden, noch
ehe sie überhaupt in der Lage waren eine ähnliche Flora und Fauna
aufzubauen. Fischer räumt ein, diese Gefahr bestehe immer, wenn man sich
im Tide-Bereich bewegt. In der Haseldorfer Marsch möchte die
Realisierungsgesellschaft ein Brut- und Rastgebiet für Wiesenvögel zu
einem neuen Lebensraum für Süßwasservögel Umbaggern. Die Wiesenvögel
sollen Wattvögeln weichen und in die Hörner Au umziehen. Kausch amüsiert
sich darüber: „Es steht ja nirgends ein Verkehrsschild.“ Gegen die
kuriose Naturflächen-Rochade erwirkten die Umweltverbände vor Gericht
einen Baustopp. „Die Haseldorfer Marsch ist, genau wie das Mühlenberger
Loch, ein international geschütztes Gebiet nach FFH-Richtlinie und nach
EU-Vogelschutzrichtlinie“, sagt Uwe Westphal. Er hält das Ganze für
groben Unfug. Zumal da noch nicht mal klar sei, ob in der Hörner Au
jemals ein „Komplex aus Flachwassersee, Feuchtgrünland und
Moorregenerationsflächen“ geschaffen wird. Westphal geht davon aus,
dass „das wahrscheinlich nie realisiert wird“. Damit könnte er recht behalten. Bodo Fischer scheint jedenfalls kein großes Interesse an der Hörner Au zu haben: „Wir haben dort hundert Hektar praktisch dem Naturschutz übergeben.“ Die Flächen habe der Stadtstaat aufgekauft. Alles andere sei nicht Hamburger Aufgabe: „Wir haben unseren Ausgleichsanteil geleistet und dass wir nun in Schleswig-Holstein Naturschutzgebiete durchsetzen, die die Bauern rundherum nicht wollen, das kann nicht unsere Aufgabe sein.“ |
|
| Quelle: SZ 28.08.01 | |